Zufall, Glück und Inszenierung

Fotos und ihre Geschichten

Kennt ihr das? Ihr kramt in eurem Archiv, seht ein Foto... und sofort kommt euch die Geschichte um die Entstehung in den Kopf? Bei den meisten meiner Arbeiten ist das so. Weiß noch genau um dieses „Drumherum“, weiß auch oft, was ich alles veranstaltet habe, um die Szenerie so hinzubekommen, wie sie dann später auch dargestellt ist (weiß aber manchmal leider nicht mehr, mit welcher Kamera ich das Foto gemacht hatte!).

Einige meiner Fotos sind aber auch rein zufällig entstanden. Akteure betraten plötzlich die Szenerie und machten das Foto erst zu dem, zu welchem es dann geworden ist. Das Glück gehört einfach dazu... wie beim Foto oben, entstanden in Paris 2016.

Andere Fotos „entstehen“ auch erst zuhause, am Rechner: Hier erkennt man plötzlich in einem zunächst völlig unscheinbaren Foto Details, die man vorher auf dem Display der Kamera (selbst nach Vergrößerung) überhaupt nicht wahrgenommen hat.

Nachfolgend habe ich mal ein paar Fotos mit ihren dazugehörigen Geschichten aufgeführt (soweit ich dieses in Gänze noch auf dem Schirm habe):

Warten auf die passende Szenerie

Eine Dauerbaustelle vor der Oper, mitten im Zentrum von Hannover. Bereits einen Tag zuvor hatte ich mich mit diesem Motiv auseinandergesetzt. Und natürlich wollten die Akteure erstmal nicht so, wie ich es wollte. Zwar war Geduld gefragt, aber nach 10 Minuten hatte ich schon keinen Bock mehr. Trotzdem ging mir diese Angelegenheit nicht aus dem Kopf. Also am nächsten Tag wieder hin. Irgendwann nahte dieser Typ  heran, von weitem sah ich auch schon sie, inklusive Rad. Ich dachte noch: "Mädchen, fahr' doch bitte ein bisschen schneller...". Ihr Tempo passte und beide waren samt Beschilderung im Kasten.

(Foto: Untitled © H. Severin, Hannover 2016)

Ein kühler Abend in Paris, in einer Seitenstraße am Centre Pompidou. Wir saßen gegenüber dieser Crêpes-Bude, auf der anderen Straßenseite, in einer Kneipe. Ich musste ständig zu dieser Bude rübergucken, denn... immer wenn ein Touri einen Crêpe wollte, goß dieser Typ den Teig auf seine heiße Platte, sodaß ein irrsinniger Nebel entstand. Zeitweise konnte man ihn dabei überhaupt nicht mehr sehen. Das war mein Motiv! Ich raus aus der Kneipe, an die Straße gestellt und gewartet... und dann kam er, der Kunde. Dann schnell auf die Straße, um Nähe zu bekommen, den richtigen Moment abgewartet und abgedrückt. Der Typ grinste nur. Und auch mal wieder ein gutes Beispiel dafür, nicht immer nur herumzulaufen, sondern sich auch einmal irgendwo nur in Ruhe hinzusetzen und... das nähere Umfeld beobachten.

(Foto: Untitled © H. Severin, Paris 2016)

Die East Side Gallery in Berlin-Friedrichshain... mit dem längsten noch erhaltenen Teilstück der Berliner Mauer. Bis dato noch nie dagewesen, noch nie gesehen. Ok, Freundin war beschäftigt und guckte sich Mauerreste an. Was ich dort viel cooler fand: Einen abgeparkten Transporter der Firma Europcar... und als Werbeaufdruck eine Frau, die badete. Und da es regnete (wie eigentlich immer, wenn ich in Berlin bin!)... kamen Leute mit Regenschirm dazu. Die Idee war schnell geboren: Lasse Leute mit Schirm durchs Bild laufen (Wasser-Wasser). Klar, oder?

(Foto: Untitled © H. Severin, Berlin 2013)

Zufall und Glück

Hamburg, Schanzenviertel... planlos herumirrend. Ist gar nicht so groß, dieses Viertel, sehr überschaubar. Ich landete damals in einer Seitenstraße mit diesem Garagentor und seiner Aufschrift "TAKE YOUR TIME-Lass'  Dir Zeit". Und dann kam SIE auch schon. Ein Geschenk, dieses Motiv. Es war einfach nur Zufall... und reines Glück!

(Foto: TAKE YOUR TIME © H. Severin, Hamburg 2015)

Es waren zwei Typen in Arbeitsklamotten, die auf den Bus gewartet haben und nach Hause wollten. Ich wurde von dieser Szenerie völlig überrascht und habe beim Erblicken nur gedacht: "Lieber Busfahrer, der diese beiden Typen mitnehmen muss... habe doch eine Reifenpanne, fahre irgendwo gegen einen Poller und komme bitte später!". Ich weiß nicht, wie viele Versuche ich brauchte, um diese Linien einigermaßen in Einklang zu bringen. Was ich aber weiß, dass ich mir vor Aufregung fast in die Hose gepullert hätte. Ich wollte danach nur noch schnell nach Hause und dieses Foto fertigmachen.

(Foto: Stripes © H. Severin, Hannover 2015)

Berlin-Alexanderplatz. Die Freundin brauchte urplötzlich, wie aus dem Nichts... neue Sneakers. Was passiert? Verschwindet in so einem Einkaufsbunker und läßt mich einfach stehen. Was mache ich? Leuten bei der Arbeit zuschauen. Dieser Schauwerbegestalter auf dem Foto, der hatte es mir angetan. Hatte ihn auch null gestört, dass ich ihn ständig fotografiert habe. Tja... und dann versuchte der kleine Mann mit der Leiter an diese große Frau heranzukommen, um sie von der Scheibe zu kratzen.

(Foto: Untitled © H. Severin, Berlin 2013)

Persönliches Empfinden

Es gibt Fotos, die mir immer sehr viel bedeuten werden. Auch nach Jahren noch. Dieses Foto wird defintiv dazugehören. Es erzählt mir unheimlich viel, ist so intensiv. Ich mag alte Menschen... und habe Respekt vor ihnen. Das Foto entstand am Maschsee in Hannover; dort, wo ich zuhause bin.

(Foto: Untitled © H. Severin, Hannover 2016)

Bei diesem Foto hatte ich damals lange mit mir gehadert, es online zu stellen. Ich wußte von vornherein, dass es eine starke Fotoarbeit ist und eine Menge Kraft und Ausdruck hat. Auch dieses Foto erzählt viel. Nach vielen Diskussionen und rechtlichen Abklärungen habe ich es dann doch online gestellt und auch (erfolgreich!) zu internationalen Contests eingereicht. Das Foto gehört sicherlich zu meinen besten Arbeiten aus den letzten Jahren.

(Foto: Untitled © H. Severin, Hannover 2016)

Eine Bahnhofskneipe, die ein "Otto Normalbürger" sicherlich nicht unbedingt freiwillig betreten würde. Ich mag Menschen und kenne (auch beruflich bedingt!) so manche menschliche Abgründe. Ich habe viel gesehen und musste mir schon viel anhören. Warum aber ER jetzt alleine in dieser Kneipe saß... keine Ahnung. Aber sein Blick ins Leere (und er saß den lieben langen Abend so da!) fand ich faszinierend. Und er wußte auch, dass ich ihn fotografiere. Vor ein paar Wochen habe ich ihn wiedergesehen, nach langer Zeit... mit langen Haaren und Pferdeschwanz.

(Foto: Untitled © H. Severin, Hannover 2016)

Gar nicht gesehen!

Ich bin ein "durch-den-Sucher-Gucker". Ich habe dann das Motiv besser unter Kontrolle. Display-Fotografie liegt mir nicht, da kann ich nichts sehen; insbesondere dann nicht, wenn die Sonne draufknallt. Aber auch im Sucher sieht man nicht immer alles... wie bei diesem Foto. Das der Typ seinen Mund öffnet/stülpt und es so aussieht, dass die Kinder das Baguette in seinen Mund schieben... gefiel mir dann schließlich, zuhause, am Rechner.

(Foto: Untitled © H. Severin, Hannover 2015)

Es war damals die 1ste (und gleichzeitig letzte) große Reise meiner Sony Alpha 6000. Eine tolle Kamera mit einem starken Nachführ-Autofokus. Aber: Sie war mir zu laut. Da war nix mit Silent-Shutter oder so. In Paris -gemeinsam mit dem 35er- und dem 50er-Objektiv- hatte ich sie richtig gequält. Zu dieser Zeit hatte ich schon mit der Ricoh GR geliebäugelt. Ausserdem "drohte" das Erscheinen eines Nachfolgers für die Fuji X100T. Ich war zwiegespalten. Was wollte ich jetzt eigentlich sagen? Ach so... schaut euch mal an, wie dieses Pärchen sich anguckt. Ich mag dieses Foto sehr... und habe diese Blicke auf dem Foto auch erst zuhause gesehen.

(Foto: Untitled © H. Severin, Paris 2016)

Entstanden an einem Büdchen am Brandenburger Tor. Ursprünglich geplant waren Close-Ups, u. a. mit meiner Ricoh GR. Das Projekt hatte ich dann aber zurückstellen müssen... Warum? Nachzulesen hier! Hatte versucht, in Berlin noch irgendwas zustande zu kriegen... aber die Stadt war wie gelähmt (und ich auch!). Zum Foto: Ich mochte diese Plakatwerbung, hatte die Ricoh GR auf einen Tisch gestellt und jedesmal auf den Auslöser gedrückt, wenn jemand durchs Bild lief. Und dann kam der Typ mit der Kippe... es passte irgendwie.

(Foto: Untitled © H. Severin, Berlin 2016)

Da geht was!

Entstanden ist das Foto in Hannover, Bereich Standesamt. Eine weiße amerikanische Limousine stand am Fahrbahnrand... und ich mußte irgendwas machen, gemeinsam mit diesen weißen Fahrbahnstreifen. Hatte dann über 20 Fotos geschossen... und das Ergebnis seht ihr hier. Es ist das Coverfoto meines eBooks "WORKS, 2010-2016"... einem eBook mit insgesamt 85 Fotos aus 6 Jahren Straßenfotografie.

(Foto: Untitled © H. Severin, Hannover 2015)

Ganz ehrlich? Ich hätte damals nie gedacht, dass dieses Foto beim Betrachter so eine Wirkung erzeugt. Nachdem ich für 1x.com ein "Making-of" verfasst und im Internet darüber gefaselt hatte, wie und wo ich dieses Foto gemacht hatte, sind hannoveraner Hobbyknipser losgelatscht und haben versucht, dieses Foto zu kopieren. Nun gut... irgendwie auch cool. Auch dieses Foto gehört sicherlich zu meinen besten Arbeiten der letzten Jahre... und hat mir aufgrund der Einreichung zum "Street Photography Awards 2015" einen Account beim Online-Magazine LensCulture beschert.

(Foto: Waiting © H. Severin, Hannover 2013)

"It's raining"... bezeichne ich als einer meiner "Classics". Entstanden an einer Lokalität in Hannover, wo man in die Küche gucken kann... von draußen. Das Format bot sich an... ist aber kein klassisches "16:9". An sich wollte ich diese vielen einzelnen Regentropfen fotografieren... und dann kam die "Küchenfee", die in Richtung der Tropfen guckte. Es war natürlich auch Zufall und Glück, ahnte aber irgendwie, das hier was geht.

(Foto: It's raining © H. Severin, Hannover 2014)

Vielleicht habe ich ja jetzt mit diesen kleinen Anekdoten dem Einen oder Anderen "Straßenfotografie-Anfänger" Denkanstöße und Ideen mit auf den Weg gegeben. Daher auch mein Tipp an euch: Hört einfach auf eure innere Stimme und geht nach eurem Gefühl. Bleibt dabei immer selbstkritisch, seid flexibel und probiert euch aus. Fotografiert nicht ständig das, was gerade hipp ist. Kopiert keine anderen Fotografen (das wird eh' nix!). Und fotografiert für euch... nicht für andere.

In diesem Sinne…