Im Gespräch mit...

Christian Schirrmacher aka "Chris Candid", Straßenfotograf aus Berlin

Wir hatten uns an diesem Nachmittag des 19. Dezember 2016 zunächst im Bereich des "Bahnhof Zoo" treffen wollen.16.00  Uhr war angesagt. Die örtliche Lage war günstig... für Chris nach Dienstende, auf seinem Weg nach Hause und ebenso für mich, von meinem Hotel dorthin. Über WhatsApp kamen wir aber irgendwie auf das Thema "Rauchen" und haben dann umgeschwenkt:

Chris kümmerte sich um eine Raucherkneipe im Bereich "Gesundbrunnen" (passt ja mal so gar nicht!)... und so landeten wir dann schließlich fernab der Geschehnisse um das Attentat im Bereich der Gedächtniskirche.

Zum Zeitpunkt der Ereignisse waren wir mit unserem Smalltalk durch und hatten schon unsere Heimwege angetreten. Von den Geschehnissen hatte ich erst mitbekommen, als im Hotelzimmer mein Handy ständig brummte und mich später meine Freundin anrief. Als ich am späten Abend eine Vielzahl von besorgten Handynachrichten beantwortet hatte, war mir schnell klar: Du kannst und wirst am nächsten Tag in Berlin keine Menschen auf Straßen und in U-Bahnen fotografieren. Die Leidenschaft für dieses Hobby rückte in weite Ferne... andere Dinge waren plötzlich in den Mittelpunkt getreten. Und: Die Entscheidung, dort keine Close-Up-Fotografie zu machen, war richtig!

Auf der anderen Seite waren die Treffen und die damit einhergehenden Gespräche mit Christian Schirrmacher und Martin U. Waltz sehr ergiebig.

 

Danke dafür, Jungs!

Der Smalltalk

Frage:

Schön, dass Du Dir die Zeit genommen hast. Wir hatten ja - ich glaube, im Herbst war das - miteinander telefoniert und hierbei auch über meinen Berlin-Besuch zum Ende des Jahres gesprochen. Du sagtest, dass bei Dir im November eine Japan-Reise anstehen würde und wir danach ein Treffen vereinbaren könnten... so ist es jetzt passiert.

Wie war es denn in Japan? Isst Du jetzt nur noch mit Stäbchen?

 

Antwort:

Nein, sicherlich nicht. Ich war in einem Imbiss und sagte zu einem Kellner, der mir zum Essen Stäbchen reichte: "It's too hard for me, with sticks!" Da haben alle gelacht; er hat mir dann auch eine Gabel gegeben. Trotzdem... ich war immer schon ein Fan der japanischen Küche.

 

Frage:

Und wie war das Essen?

 

Antwort:

Fischgerichte stehen dort im Vordergrund, natürlich Reis in Kombination mit Gemüse. Sehr gesund.

Japan und die Leica Q

Frage:

Wie bist Du auf Japan gekommen?

 

Antwort:

Japan war schon immer ein Traum von mir. Ich erinnere mich an 2 Ereignisse: Ich hatte mal eine TV-Dokumentation gesehen, die mich sehr fasziniert hatte. Es wurde über die typischen Gegensätze gesprochen, das traditionelle Japan auf der einen und das moderne Japan auf der anderen Seite. Und: Der Film "Black Rain", mit Michael Douglas in der Hauptrolle. Das ist so ein geiler Film. Das war auch irgendwie ein Auslöser.

 

Frage:

Den Film habe ich auch noch, auf VHS-Kassette, im Keller. Läßt sich aber bestimmt nicht mehr abspielen.

 

War es von vornherein Dein Hauptziel, dort auch zu "streeten"? Ich glaube, Du sagtest mir, dass es eine geführte Reise gewesen sei, in einer Gruppe. Stelle ich mir schwierig vor!

 

Antwort:

Ich wollte erst eine Woche nach Tokyo, das war so mein Hauptziel. Viele Hotspots, für die Straßenfotografie ideal. Meine Frau hatte aber, Gott sei Dank, gleich interveniert und gesagt, dass Tokio doch nur ein Teil von Japan sei, würde doch vom Land überhaupt nichts sehen und empfahl mir, eine geführte Rundreise zu machen. Das habe ich dann auch gemacht, habe Land und Leute kennengelernt, war in Kyoto, Osaka, Hiroshima, Mt. Fuji und zum Abschluss dann in Tokyo. Es war zwar innerhalb einer Reisegruppe, war aber sehr locker und jeder konnte machen, was er wollte.

 

Frage:

Und Du hast nur mit der Leica Q fotografiert?

 

Antwort:

Genau. Ab und zu habe ich mal die Gerichte fotografiert, mit dem Handy. Aber nur für Privatzwecke. Für die Streetfotos habe ich meine Leica Q genutzt.

 

Frage:

Warum überhaupt die Leica Q?

 

Antwort:

Ich bin - und Du hast die ja gerade auch - über die Ricoh GR zur Leica Q gekommen.

 

Frage:

Was soll mir das jetzt sagen? Wenn ich das zuhause meiner Freundin erzähle...

 

Antwort:

Ich habe damals meine gesamte Fotoausrüstung verkauft, samt der Ricoh GR. Ich musste dann nur noch 400,00 Euro drauflegen und habe sie mir dann gegönnt. Ich möchte sie nun auch nicht mehr missen

 

Frage:

Aber mal so "candid", heimlich aus der Hüfte, in der Metro...

 

Antwort:

... ist natürlich schwer.

 

Frage:

Sie IST auch schwer.

 

Antwort:

Wohl war. Aber ich habe 28mm-Vollformat und da nehme ich mir natürlich auch das Recht raus, dass Foto so zu bearbeiten, wie ich die Szenerie zuvor gesehen habe. Dann wird auch mal gecroppt. Das Recht habe ich doch. Was andere darüber denken, ist mir egal.

 

Frage:

Hast Du bei Reisen ein Notebook mit, z. B. für die Bearbeitung oder Vorabsichtung? Nutzt Du sowas?

 

Antwort:

Nein. Meine Frau hat ein Tablet. Aber hätte ich das mitgenommen, hätte ich Ärger bekommen (lacht). Ich war ja alleine unterwegs, meine Familie ist zuhause geblieben. Für sie war der Reiz nicht da, eine Reise nach Japan zu machen. War für mich natürlich gut, weil es ja dann kostengünstiger war.

 

Frage:

Wie war das, in Japan "Street Photography" zu machen? Haben sich Unterschiede bemerkbar gemacht, beispielsweise im Vergleich zur "Street Photography" in Berlin?

 

Antwort:

Erfahrungsgemäß ist es natürlich in Berlin bzw. überhaupt in Deutschland schwierig. Hier wirst Du natürlich auch mal angesprochen, manchmal sogar um Löschung eines Fotos gebeten. Ich habe natürlich keine Probleme damit. Ich musste schon oft Bilder löschen. Das ist ja auch völlig ok. In Japan hingegen bin ich nicht einmal angesprochen worden, hatte nie Ärger. Ich fotografiere ja auch mit "Flash", also mit Blitzlicht. Die Leute dort haben sich eher mal weggedreht. Aber niemand hat irgendetwas gesagt.

 

Frage:

War das der "Touristen-Bonus"?

 

Antwort:

Das kann schon sein. Ich denke aber, die Japaner sind so. Sie wirken schüchtern, vermeiden die Konfrontation in der Öffentlichkeit. Das betrifft auch andere Bereiche. Die Japaner kennen es nicht, zu drängeln, auch nicht in der Metro. Das ist dort völlig verpönt. Da gibt es keinen Stress, da schreit auch keiner laut rum. Alles ist sehr stringent, alles hat seine Ordnung. Man ist sehr diszipliniert. Das hat mich sehr beeindruckt.

 

Frage:

Als wir im Herbst telefoniert hatten, sprachst Du von einem Treffen mit Tatsuo Suzuki, in Tokyo.

 

Antwort:

Das hat leider nicht geklappt, ihm war etwas dazwischengekommen. Zugesagt hatte er zunächst. Ich hatte aber zuvor auch andere Straßenfotografen aus Japan angeschrieben. In Osaka war ich beispielsweise mit Yuji Ishizaki. Auch mit Hiroharu Matsumoto habe ich mich getroffen. Das war sehr bewegend. Ich bin immer noch ganz geflasht von diesen beiden Begegnungen.

Soziale Netzwerke

Frage:

Kommen wir zum Thema "Soziale Netzwerke". Stell' Dir vor, Du sitzt morgens, nach dem Aufstehen, in der Küche, hörst Radio und da kommt die Meldung, dass in der Nacht das soziale Netzwerk Facebook eingestellt wurde. Und nun?

 

Antwort:

Tja, das wäre schon...

 

Frage:

Bist Du ein "Facebook-Junkie"?

 

Antwort:

Kann man das so sagen? Ich nutze fast ausschließlich Facebook. Ich war es irgendwann mal leid, bei anderen Netzwerken, die ich eher nur noch sporadisch nutze, Hashtags zu setzen. Hashtag hier, Hashtag da. Das ist mir zu zeitaufwendig. 2-3 Topbilder aus einer Serie landen auch mal in meinem Instagram-Account. Facebook finde ich da besser. Irgendwann sollte man sich auch für eine "Social-Media-Ecke" entscheiden.

 

Frage:

Die Frage, die ich mir stelle, ist, ob Facebook unserer Fotografie bzw. der Fotografie im allgemeinen gut tut. Sicherlich, man kann Kontakte knüpfen, man bekommt vielleicht hier und da eine interessante Ausstellung mit. Aber z. B. diese Abbildungsqualität...

 

Antwort:

... ist schlecht. Ich muss zugeben, dass bei Facebook unheimlich viel „Nichtssagendes“ eingestellt wird, insbesondere im Bereich der Straßenfotografie. Wenn Du das 150.000ste "Da-sitzt-jemand-im-Kaffee-hinter-einer-Scheibe"-Foto siehst, Silhouetten-Bilder, Tunnelfotos...

 

Frage:

... verscherze Dir das jetzt nicht mit mir. Es gibt schlechte Tunnelbilder und es gibt...

 

Antwort:

Das haben wir ja alle schon gemacht. Ich kann es aber einfach nicht mehr sehen. Es gibt wenig Fotos mit Substanz. Die Leute sind oftmals zu weit weg, es fehlt die Nähe.

 

Frage:

Und wenn sie dann mal dicht dran sind, haben sie Familienangehörige oder Freunde portraitiert. Und dann die anschließende Bearbeitung. Da sollte man wirklich an sich arbeiten. Fleiß ist eh' das A und O. Insbesondere auch das Annehmen von Kritik. Sage oder schreibe mal einem Anfänger, dass sein Foto für die Tonne ist. Ganz selten habe ich mal Leute erlebt, die das angenommen haben, die wirklich darüber nachgedacht haben.

 

Schaust Du mal in Foren oder auch Facebook-Gruppen, was sich in der deutschen Straßenfotografie-Szene so tut?

In den letzten 1-2 Jahren ist ja durchaus einiges passiert: Es gibt ein Magazin, das Soul-Of-Street; es wurden Kollektive gegründet, in Stuttgart das streetlab0711 und auch hier, mit euch, in Berlin, dem Kollektiv Berlin1020. Gleichgesinnte treffen sich, machen Fotowalks... es bewegt sich etwas.

 

Ob die Fotos dadurch besser werden, steht natürlich auf einem anderen Blatt. Aber hast Du davon etwas mitbekommen?

 

Antwort:

Habe ich, aber schauen wir mal, wie es in ein paar Jahren aussieht. Könnte auch nur ein kurzer Hype sein.

 

Frage:

Was sind die Ziele eures Kollektivs?

 

Antwort:

Ein Kollektiv war am Anfang gar nicht geplant, eher so eine Interessengemeinschaft. Wir haben uns getroffen, waren uns sympatisch... das ist natürlich eine Grundvoraussetzung. Auch sollten die Leute aus Berlin kommen. Wir wollen unsere Bilder vernünftig und sachlich kritisieren, wir wollen nicht stehenbleiben und uns weiterentwickeln, auch experimentieren. Wir wollen auch ein Anker- bzw. Landeplatz für Straßenfotografen aus anderen Ländern sein. Man kann Ecken zeigen, wo man normalerweise als Tourist gar nicht hinkommen würde. Das ist die Geschichte, die dahintersteckt.

"JAPAN DRIFT"

Frage:

Ich habe mir gerade mal Dein Buch "JAPAN DRIFT" angeguckt. Tolle Fotos. Ich weiß aber nicht, ob ich persönlich nicht doch "matt" anstatt "glänzend" genommen hätte. Aber das ist sicherlich auch Geschmacksache. Die Bindung gefällt mir auch gut. Das hast Du über Pixum anfertigen lassen. Auf die wäre ich gar nicht gekommen.

 

Antwort:

Ich hatte vorher gegoogelt und bin bei denen hängengeblieben. Kaufen kann man das Buch auch über Blurb.

 

Frage:

Mit welcher Kantenlänge hast Du die Bilder hochgeladen? Läuft das bei Pixum auch mit einem hauseigenem Softwaremodul?

 

Antwort:

Genau. 2000 px die längste Seite, in 300dpi.

 

Frage:

Und diese Farben. Du arbeitest im Workflow auch mit Presets?

 

Antwort:

Ja, mit den VSCO-Lightroom-Presets.

"Die Straße ist Leben und das Leben ist bunt!"

Frage:

Hast Du eigentlich "Lieblingsmotive", auf der Straße, oder läßt Du Dich überraschen?

 

Antwort:

Nein, habe ich nicht. Ich lasse mich überraschen. Die Straße ist Leben und das Leben ist bunt! Warum soll ich immer Schatten und Silhouetten fotografieren? Ich sehe Menschen auf der Straße, die sich bewegen und irgendwas machen. Das ist meins. Immer die Augen offen halten für das große "Drumherum". Und wenn ich 1 Stunde an einer Kreuzung stehe... irgendwas passiert da schon.

 

Frage:

Das habe ich auch festgestellt. Man muss nicht immer sinnlos herumrennen. Den Fehler habe ich früher auch gemacht. Bis ich dann irgendwann gemerkt habe... Moment, jetzt setzt Du Dich mal irgendwo hin, trinkst einen Espresso und guckst nur aus dem Fenster... guter Tipp übrigens, für Anfänger.

 

Was steht bei Dir an, 2017?

 

Antwort:

Eine Ausstellung, da hätte ich Lust drauf.

 

Frage:

Oder einen Workshop veranstalten?

 

Antwort:

Vielleicht mal in 1-2 Jahren. Wichtig ist, das man nicht stehenbleibt, sich ständig weiterentwickelt.

Zu guter Letzt

Frage:

Lust, auf 10 "Entweder-Oder"-Fragen?

 

Antwort:

Klar.

 

Frage:

Schwarzweiss oder Farbe?

 

Antwort:

Hauptsächlich Farbe.

 

Frage:

Quer- oder Hochformat?

 

Antwort:

Querformat.

 

Frage:

Jpeg oder Raw?

 

Antwort:

Raw.

 

Frage:

Talent oder Technik?

 

Antwort:

Beides.

 

Frage:

Spontan oder geplant?

 

Antwort:

Spontan.

 

Frage:

Buch oder Ausstellung?

 

Antwort:

Ausstellung.

 

Frage:

Einzelbild oder Serie?

 

(zögert!)

 

Antwort:

Beides.

 

Frage:

Currywurst oder Sushi?

 

Antwort:

Sushi... äääh... beides..

 

Frage:

Autodidaktisch oder Workshop?

 

Antwort:

Autodidaktisch.

 

Frage:

Berlin oder Tokyo?

 

Antwort:

Tokyo (lacht!)

 

Danke Dir, Chris.

 

Wir hören und lesen voneinander.

 

Frohe Festtage und einen guten Rutsch, ins Jahr 2017, für Deine Familie und Dich.

 

 

Bis dahin!